• mellow523

Von ersten professionellen Tönen und späteren Tonquellen

Aktualisiert: 17. Juli


Die ersten eigentlichen Studioerfahrungen sammelte ich vor Aeonen im Platinum One im aargauischen Oberehrendingen. Krokus hatten in diesem Tonstudio 1979 ihren Rock-Meilenstein Metal Rendez-vous auf Band gebannt und ich (einmal Bassist, immer Bassist) anno 1981 die Aufnahmen für eine Vinyl-Single (eine Art vorsintflutliches, physisches und erst noch doppelseitiges Mp3) mit meiner damaligen Band Railroad Company. Das war noch in analoger Zeit, als dicke fette Tonbänder (neben gigantischen Misch-pulten) auf Bandmaschinen der Firma Studer sassen und die produzierten Klänge von euphorisierten Musikern festhielten. Das Platinum One existiert mittlerweile nicht mehr, die Liegenschaft musste einem Neubau weichen, einzig die Autogrammwand des Studios wurde von einem ortsansässigen Bauunternehmer vor der Vernichtung bewahrt und eingelagert (siehe unten, die gerettete "Wall" im Exil). In den 90ern folgte (nach unzähligen Erfahrungen die in der Schublade "Homerecording" abgelegt wurden) ein weiterer Besuch in einem professionellen Tonstudio, bei Moritz Wetter in Winterthur Wülflingen spielte ich mit der Mundartrockband Dani Buchmann Experience eine legendäre 4-Track-CD ein.









(Die gerettete Autogrammwand)



Compact Disc? Richtig, die Zeiten, die Form von Tonträgern und die Produktionsweise änderten sich rasant. Auf einem bescheidenen "Personal Computer" (auf welchem dieses verheissungsvolle Windows 95 installiert war) machte ich schon bald meine ersten Erfahrungen im Bereich Sampling und Midi. Kein leichtes Unterfangen, die Kiste begann regelmässig zu glühen wenn es ums Speichern von WAV-Schnipseln oder damit erstellten Songs ging. Bei PC-Hai gab es jeweils "Speicher" zum Tagespreis, der Shop wurde regelmässig am Feierabend angesteuert.


Die eine Software die ich für ein paar wenige Alpendollar aus einer Grabbelbox gezogen hatte, war grandios: Die virtuelle Oberfläche erinnerte an ein Telefon mit Wahldrücktasten der sich einzelne (selber gebaute) Samples (die sich nach dem Start in Schleife drehten, sogenannte Loops) zuordnen liessen, man konnte dann diese hinterlegten Sounds via Mausklick abspielen, respektive zusammenschalten. Auf diese Weise liessen sich komplexe Soundkonstrukte erstellen, vorausgesetzt man brachte seine Notizzettel mit den Vorgaben (regelrechte Regieanweisungen und "Soundfahrpläne" mit Sekunden- und Positionsangaben was sich wann wie lange zu- und wegschalten sollte etc.) nicht durcheinander. Eine kreative Sache und definitiv kein Technosound wie man jetzt vermuten könnte, bei mir klang das eher nach Space- oder altem Krautrock. Ehrensache natürlich, dass ich mich (im Hip Hop üblich) auch "klassischen" Sampling-Vorlagen annahm, James Brown etwa und The Incredible Bongo Band. Ein Schlagzeug-Intro der Holländer Livin' Blues liess mich schier verzweifeln, der Drummer hatte bei den Aufnahmen auf ein Metronom verzichtet und dem zuständigen Produzenten waren die minimen Temposchwankungen nicht aufgefallen. Spätestens beim Sampling haben solche kleinen Unstimmigkeiten aber "tödliche Auswirkungen" und ich verbrachten Stunden damit das Tempo zu korrigieren bis der Loop dann funktionierte wie ich mir das vorgestellt hatte, notabene mit äusserst bescheidener Rechnerleistung. Viele der damals entstandenen Sounds veröffentlichte unter dem Pseudonym Mellow. Das Projekt einer Filmemacherin die gerne meine musikalischen Experimente eingebunden hätte, scheiterte leider an der Finanzierung ihres Streifens.










Die Nuller wurden dann zu meinen MiniDisc-Jahren. Das handliche Gerät von Sony war immer dabei wenn ich bei unzähligen Bluessessions zwischen Zürich und Appenzell zum groovy Tanz mit dem alten 12-Takt-Schema aufforderte. Es entstanden fantastische Aufnahmen (oft hängte ich das Stereo-Mikrofon an eine Lampe im Saal des Ochsens in Wila, später im Ox in Wald), ich drückte "Rec" und begab mich auf die Bühne um die normalerweise spontan zusammengewürfelte Truppe zu begleiten. Wurde der Lärmpegel der stampfenden Blueser zurückgefahren, bekam der Raum noch eine viel grössere Dimension, plötzlich hörte man das heitere Lachen des Publikums, Gläserklirren, Anfeuerungsrufe, Fragmente von offenbar hochspannenden Unterhaltungen. Die dabei entstandenen Tondokumente (manche Sessions gingen leider verloren oder wurden nie festgehalten weil irgend jemand am platzierten Recorder herumfingerte während der Produzent über die Bühnenbretter rockte) mixte ich manchmal mit Geräuschen zusammen, Wolfsgeheul, Blitz, Donner, Regen, Wind, Wasser oder knurrende V8-Aggregate die nach Schmieröl und Diesel rochen, bei "Gunsmoke" fusionierte ich historische Voice-Recordings von John Wayne mit wiehernden Pferden, Blues und abgedrehtem Rock'n'Roll. Erstellt wurden diese "Experimente" mittels unterschiedlicher Soundeditoren wie z.B. Cubase, ich brannte sie auf CD, stattete sie mit Blickfang-Booklets aus (ich erfand die fiktive Band Blindflight) um sie in regelmässigen Abständen den beteiligten Musikern der Jamsessions abzugeben. Herausragend ist noch immer der Klang der Aufnahmen die mit meiner Stammband Right Now in Wolfhalden entstanden: "Open Air" in der einzigartigen Wald- und Hügellandschaft mit Blick auf den Bodensee, bekam der Auftritt bei dem der Slide-Gitarrist Peter Fürst mitwirkte einen natürlichen Arena-Hall-Effekt mit auf den Weg der einzigartig ist. Das Live-Ambiente von Cactus' "Ot 'N' Sweaty - On Stage in Puerto Rico" kommt nahe daran heran, beim amerikanischen Kaktus waren aber vermutlich die Palmen für den Klang mitverantwortlich, bei uns damals die Tannen aus deren Dunkel sich plötzlich unzählige Menschen schälten. Mit Rucksäcken behängt und mit Picknick-Körben am Arm kletterten sie den Hügel hoch um den exotischen Klängen zu lauschen. Mit Right Now entstand später eine weitere offizielle Disc, bei dieser Produktion erlebte ein mobiles Tonstudio des Bluesmusikers Larry Schmuki seine Feuertaufe. Beim Auftritt am Loveride 2005 in Dübendorf (direkt vor Canned Heat) machte ich es mir hingegen einfach: Ich dockte ganz einfach beim Soundmann am Mischpult an und sicherte mir so in guter alter Piratenmanier den Mix des Technikers auf MD.



Irgendwann beförderte mich meine Lei-denschaft für Töne ins Radio, ich wurde Spotproduzent bei Radio Top und fand "meine Welt" in der Herstellung von Werbespots, Trailern, Jingles, Laden- und Stadiondurchsagen, aber auch beim Schneiden und Bearbeiten von Radio-Beiträgen aller Art, solche informativen und vielseitig einsetzbare Gefässe nennt man mittlerweile auch Podcast. Das "selber sprechen", die Arbeit mit Sprechprofis aber auch das Coaching von Amateuren ist einer der zentralen Punkte der aufs Neue immer wieder ein an Spannung kaum zu übertreffendes Abenteuer ist. Das Herauskitzeln der passenden Silben, das Herausspüren der passenden Färbungen, die "Regieführung" (mit zunehmender Dezen- tralisierung ist es enorm wichtig einem externen Sprecher die gewünschte Stimmung oder das Szenario das man sich vorstellt zu beschreiben) und schlussendlich auch die Fusion mit passendem Soundhintergrund oder unterstützenden Geräuschen machen einen 20-Sekunden-Commercial zu einer Sinfonie, zumindest für meine Lauscher. Es wird gefeilt, geschnitten, geschliffen und gepinselt oder "Silbenlego" gespielt bis das Endresultat erreicht ist, ein Erzeugnis das den Hörer auf Anhieb gefangen nehmen soll und hoffentlich auch nach dem zehnten Durchlauf noch so frisch wirkt als habe der entstandene Mix gerade erst den Mastering-Prozess durchlaufen.


2022 entschied ich mich für die berufliche Selbständigkeit um mit TONQUELLEHOFER.die maximale kreative Freiheit zu erlangen. Ich arbeite mit der Software Samplitude, ein Editor der über die Jahre immer ausgefeilter wurde und das erst noch zu ausgezeichnetem Preis/Leistungsverhältnis. Für "Aussenaufnahmen" in freier Natur kommt jeweils ein ZOOM-Recorder zum Einsatz, für externes Voice-Recording ein kleines portables Tonstudio.


Das wichtigste beim Entstehungsprozess von Audiomaterial sind allerdings die erfahrenen und durch tausende Produktionen geschulten Ohren des Produzenten, es sind noch immer dieselben wie ehedem, sie sind der Gradmesser an dem keine Produktion vorbeikommt bevor sie die "Tonquelle" verlässt.



Beat Hofer (aka Mellow, Dr. Silbenstein und Yo' Biiit-Man)



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